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3165 - Monolog eines Henkers

Autor Reference: 
Informationen: 

3165 - Monolog eines Henkers

von Bernhard Setzwein

 

PERSONEN:

  • HENKER
  • FRAU
  • Stimme aus dem Off

 

AUSZUG:

(HENKER)

Es fängt an zu schneien, erst nur leicht.

HENKER
Ich soll nach Dresden
heißt es
Wenn ich in Wien fertig bin
soll ich sofort nach Dresden kommen
Sie jagen mich kurz und quer durchs Reich
Mit ihren Einsatzbefehlen
(Fährt; lacht plötzlich irre)
Dabei gibt es Dresden überhaupt nicht mehr
(Fährt)
Ich mit dem Blitz im Schneesturm
auf dem Weg nach Dresden
das es schon gar nicht mehr gibt
(Lacht irre)
Aber all die armen Schweine
die ich hinrichten soll
die gibt es immer noch
Wann hört das auf
Wann hört das verdammt nochmal
endlich auf
Es schneit immer stärker. Kleine Flimmerplättchen. Der Henker fährt, schaut sich panisch um, wo er überhaupt ist.
HENKER
Fünfzehnjährige Buben
Wehrkraftzersetzer und Fahnenflüchtige
sagen die Herren in den Roben
die immer im Trockenen sitzen
nie im Schneestrum stecken
(Fährt)
Fahnenflüchtige
pah
dabei irren die nur heulend
durch die Wälder
die Buben
auf der Suche nach ihren versprengten Einheiten
Werwolf-Einheiten
Wenn sie sie erwischen
stellen sie sie an die Wand
oder hängen sie auf
an den Bäumen
(Fährt)
Mich brauchen sie dazu gar nicht
(Lacht irre)
Militärgericht
das ich nicht lach
Ein Schlachthaus ist das
(Fährt)
Wo bin ich nur
Man sieht gar nichts mehr
(Fährt)
Mich holen sie nur für die politischen Fälle
aber das bis zur letzten Stunde
Der Hitler lebt schon gar nicht mehr
aber ich soll in Dresden
noch drei Männer hinrichten
die irgendeiner verpfiffen hat
weil sie sich einen Witz gemacht haben
über den Hitler seine letzte Stund’
(Fährt)
Jetzt müßte doch Straubing kommen
Ich müßt doch längst schon in Straubing sein
(Fährt)
Bis nach Dresden bin ich nicht mehr gekommen
Die haben Glück gehabt
Die sollen sich beim Schnee bedanken
Dieser hundsvermaledeite Schnee
(Fährt)
Wann kommt denn endlich Straubing
(Lacht irre)
Oder gibt es Straubing auch schon nicht mehr
(Fährt)
Und wann hört endlich dieser Sturm auf
(Schreit nach oben in den Himmel)
Es reicht

(...)
 

Synopsis: 

"3165", eine nüchterne Zahl als Titel, hinter der sich Ungeheuerliches verbirgt: 3165 Menschen starben unter dem Fallbeil von Johann Reichhart. Geboren 1893 auf einem Einödhof nahe Regensburg an der Donau lastete auf ihm von Anfang an die Bürde einer Familie, die seit Generationen den bayerischen Scharfrichter stellte. 

Anfänglich waren es Schwerverbrecher, die Reichhart hinrichten musste; immer wieder versuchte er, mit "ehrbaren" Berufen auf die Füße zu kommen, als Wirt, Gemüsehändler, ja sogar als Tanzlehrer. Doch mit Entsetzen wendeten sich die Leute ab, wenn sie von seiner Nebentätigkeit erfuhren. Mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus gab es schließlich kein Zurück mehr: Reichhart war im Dauereinsatz, unter anderem war er auch der Henker der Geschwister Scholl. 

Bei Kriegsende geriet er in Gefangenschaft der Amerikaner ... und konnte sich dadurch "freikaufen", dass er für sie Naziverbrecher hinrichtete. Anschließend stellte man ihn doch noch vors Entnazifizierungsgericht. Die Richter des Dritten Reiches waren schon wieder in Amt und Würden, während man ihren Erfüllungsgehilfen zur ehrlosen Person machte. Einzig eine Frau hielt bis zum Schluss zu ihm.

Bernhard Setzweins hoch spannendes, beklemmendes Kammerspiel, das weitestgehend den historischen Fakten folgt, zeigt Johann Reichhart am Vorabend der Urteilsverkündung im Gespräch mit dieser "Erika": Noch einmal Revue passieren lässt das Stück eine für das 20. Jahrhundert beispielhafte Biographie, die die weiterhin aktuellen Fragen nach Schuldverstrickung, Opfern und Tätern aufwirft. 

 

Presse: 
  • Chamer Zeitung, 15. März 2008:
    "Der in München geborene und seit 1991 in Waldmünchen lebende Schriftsteller Bernhard Setzwein ist mit seinen Büchern, Zeitschriften- Veröffentlichungen Essays, Rundfunksendungen und Theaterstücken langst in die erste Reihe ernstzunehmender deutscher Autoren gerückt. In vielen seiner Arbeiten beleuchtet er Ereignisse der Zeitgeschichte aus der Sicht der Beteiligten, der so genannten “kleinen Leute”, macht sie nachvollziehbar und allgemein verständlich an realen Personen oder fiktiven Schicksalen fest. Sein vorerst letztes Theaterstück, das Kammerspiel “3165 - Monolog eines Henkers”, befasst sich mit einer solchen realen, historisch verbürgten Person der jüngeren Geschichte Bayerns: Es geht um Johann Reichhart. Bayerns letzten Scharfrichter..."
  • Passauer Neue Presse, Bea Lederer, 13. März 2008:
    "Von Die Namen brechen nur so über ihn herein. 3165 an der Zahl. Dazu 3165 Gesichter, von denen jedes einzelne ihn verfolgt, ihn, den hageren, blassen Hans. Seine Mitmenschen verachten den Mann mit dem schwarzen Gehrock und dem Zylinder. Und dabei erfüllt er doch nur seine Pflicht - die Pflicht des Henkers. Wohl nirgends hätte Bernhard Setzweins Schauspiel “3165 - Monolog eines Henkers” vom Ensemble der Burgfestspiele Leuchtenberg besser aufgeführt werden können als in den Gewölben des Scharfrichterhauses, wo das Ensemble am Dienstagabend auf Einladung des Passauer Pegasus’ zu Gast war (...)"
  • Der neue Tag, Peter Klewitz, 8. März 2008:
    "Ein mechanisches Henkerswerkszeug dominiert den kalten Dachboden über Regensburgs Justiz. Die im Halbrund drum herum gestellten Stühle vermitteln fast so etwas wie die ärztliche Aufforderung: “Der Nächste bitte…” Aus dem liebenswert nostalgischen Dampfradio gleich daneben schälen sich nach atmosphärischem Gekrächz die Stimmen der Henkers-Freundin Erika und ihres Lebensgefährten Hans Reichhart heraus. Der dialogische “Monolog eines Henkers” hebt an. (…)"
  • Der neue Tag, 5. März 2008:
    "Mit “3165 – Monolog eines Henkers” präsentierte die Stadtbühne Vohenstrauß im Modernen Theater eine bemerkenswerte Aufführung. Unter der anspruchsvollen Regieführung von Matthias Winter wurde das Stück von Bernhard Setzwein in ein beeindruckendes Schauspiel verwandelt. Nicht minder die Leistungen von Christian Hofmann und Waltraud Janner-Stahl, die die Nachkriegszeit bedrückend auferstehen ließen. Ein Zwei-Personen- Drama, das sensibel und tiefgründig umgesetzt wurde und den Zuschauern so manches Mal den Atem stocken ließ. (…)"
  • Mittelbayerische Zeitung, Theo Kurtz, 3. März 2008:
    "Von Im Dezember des vergangenen Jahres erlebte das Schauspiel “3165 — Monolog eines Henkers” in Weiden seine mit stehenden Ovationen bedachte Weltpremiere. Nach Gastspielen in Tirschenreuth und Passau lässt der “Scharfrichter” vom 15. bis 18. März im Turmtheater in Regensburg das Fallbeil niedersausen. Das Bühnenstück, das aus der Feder des Waldmünchener Schriftstellers Bernhard Setzwein stammt, gibt es jetzt auch in einer Hörspielversion. Am 6. März wird der “Silberling”, der im Lohrbär-Verlag erschienen ist, im Regensburger Landgericht vorgestellt. (…)"
  • Regensburger Wochenblatt, 27. Februar 2008:
    "Auf sein Konto gehen 3165 “Lebensberaubungen”. So viele verurteilte Sittlichkeitsverbrecher, Mörder, aber auch Menschen wie Hans und Sophie Scholl und nach dem Krieg Nazigrößen hat der letzte Henker Bayerns, Johann Reichhardt, vom Leben zum Tod befördert. Mit seinem Schauspiel “3165 - Monolog eines Henkers” hat der Oberpfälzer Autor Bernhard Setzwein den 1893 bei Wörth an der Donau geborenen und 1972 einsam gestorbenen Scharfrichter ans Licht der Öffentlichkeit geholt...." 

 

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