Annalisa und ihre Männer
Tutti gli uomini di Annnalisa
von Luigi Lunari
(Annalisa Und Ihre Männer)
Deutsch von Alfred Bergmann
PERSONEN:
- Der DIREKTOR
- Der PROFESSOR
- Der HAUPTMANN
- Der TAUGENICHTS
- ANNALISA (Annalisa ist die Tochter des Direktors, die Frau des Professors, die Nichte des Hauptmanns, die ehemalige Schulkameradin des Taugenichts.)
AUSZUG:
(HAUPTMANN, DIREKTOR)
HAUPTMANN Ich! (Pause) Jawohl, Herrschaften, ich habe die Courage, das heisst –gehabt! Schliesslich ist es an mir als Soldat und Mann der Aktion, den ersten Schritt zu tun...und den habe ich getan. Ich hab mich umgeschaut, Informationen gesammelt.
DIREKTOR Das heisst?
HAUPTMANN Nun ja: den vierten Mann gesucht.
DIREKTOR Seit wann?
HAUPTMANN Um ehrlich zu sein...seit die Ärzte klar und deutlich gesagt haben, dass für unseren Freund nichts mehr zu machen war.
DIREKTOR Wie bitte? Das ist unerhört! Er dort auf seinem Krankenbett...mit dem Tode ringend...und du auf der Suche nach...
HAUPTMANN Das Leben ist Kampf: und im Kampf ist der Gefallene...
(...)
Die Helden aus Luigi Lunaris Welterfolg Drei auf der Schaukel – der DIREKTOR, der HAUPTMANN und der PROFESSOR – leben noch, leben wieder: Gutbürgerlicher als je zuvor. Der Zuschauer kann’s kaum glauben und wird zudem erst mal in die Irre geführt. Zu Beginn von Lunaris neuem Stück Annalisa und ihre Männer erlebt man eine Trauerfeier, bei der man glauben kann, die drei Helden wohnten ihrer eigenen Beerdigung bei.
Dem ist aber nicht so. Nicht sie haben das Zeitliche gesegnet, sondern ihr "vierter Mann" beim Kartenspiel, ein Bridge-Genie. Dank seiner phantastischen Einfälle hat man internationale Turniere gewonnen; hat man etwas in der Welt dargestellt. Jedenfalls mehr als jetzt, wo man auf den Alltag reduziert wurde und nun Direktor einer dahindümpelnden Fabrik ist, Polizeihauptmann ohne Aussicht auf Beförderung respektive Literaturprofessor mit einem Posten im Schulamt. Wo noch einmal einen solchen Bridge-Partner finden?
ANNALISA, die einzige Frau im Stück, meint helfen zu können. Sie schlägt GIOVANNI COLOMBO vor, einen ihrer ehemaligen Schulkameraden, einen Menschen mit schnellen Fingern und unglaublicher Kombinationsfähigkeit. Und ein Tagedieb, wie man kaum einen zweiten findet! Ihre Anverwandten (der Professor ist ihr Ehemann, der Direktor, ihr Vater, der Hauptmann, ihr Onkel) winken entsetzt ab. Jeder kennt den Galgenstrick Colombo, diesen Tunichtgut, genannt Ninetto, der Knallkopf! Kein Monat vergeht, an dem man ihn nicht auf dem Polizeirevier sieht. Entweder weil er bei kleinen Diebereien oder beim Schmuggel erwischt wurde. Letzthin ging’s sogar um Drogen.
Im Schulamt gehört er zur Tagesordnung: Verletzung der Schulpflicht, zwei seiner Söhne sind bereits nach der dritten Klasse abgegangen. Trotz amtlicher Aufforderung ist er nie erschienen. Und als er’s mal in der Fabrik mit ehrlicher Arbeit versuchte, war der Direktor gezwungen, ihn zu entlassen. Aufwiegelung der Arbeiterschaft; womöglich Kommunist. Er wohnt irgendwo draußen in den Felshöhlen; in wilder Ehe übrigens … Über seine delikaten Frauengeschichten soll kein Wort verloren werden.
Annalisa lässt sich nicht beirren. Sie setzt sich beredt für den Mann aus dem einfachen Volk ein, »ungebildet und grob, verurteilt wegen seiner sozialen Herkunft zum niederen und vulgären ›Tresette‹!« Tresette, auf deutsch ›Dreisieben‹, ist ein Allerweltskartenspiel, gerade gut genug für die unteren Klassen. Jedoch: Giovanni Colombo, hat Annalisa in einer Spelunke herausgefunden, spielt Karten "wie nicht mal Jesus Christus im Himmel!" Na ja, wenn das so ist, kann man ja mal gelegentlich ...Nein! Annalisa hat ihn hergebeten. Er wird gleich kommen, und aufs Stichwort klingelt er auch schon, steht leibhaftig und unverschämt vor ihnen.
Ein Probespiel erweist, er ist ein Meister des Kartenspiels. Allerdings ist auch nicht zu übersehen, dass er mit allen Fehlern eines Mannes aus dem Volk behaftet ist. Er hat keine Manieren, und es scheint ihn nicht zu stören. Dabei, wird er belehrt, gehört "der Bridgespieler einer bestimmten Schicht an, verkehrt in gewissen Kreisen, und hat eine gewählte Ausdrucksweise. Beim Spiel sagt man etwa "I pass", "Asking bid", "Redouble". Die älteren Herrschaften, die das Spiel auf Französisch gelernt haben, sagen "valet de carreau", "mariage", "atout". Man spielt ehrlich und korrekt, gibt dem Partner keinerlei Zeichen, man hebt weder die Schultern noch blinzelt man mit den Augen; man schlägt nicht mit der Faust auf den Tisch, um zu sagen "Ich mach das Spiel"! Die ganze Atmosphäre ist gedämpft, man schreit nicht, man beleidigt sich nicht gegenseitig." So sind Menschen, die Bridge spielen. Der Rest ist eben zu "Tresette" verurteilt. Andererseits, was will man machen?
Annalisa hat Recht, Giovanni Colombo spielt furios. Nach kurzer Zeit beherrscht er die Szene. Dramatisch wird es, als Annalisa ihn unter vier Augen daran erinnert, dass man als Kind gewisse Doktor-Spiele gespielt hat. Und sie gesteht, sie fühlt wie damals: Schwindel im Kopf, roter Nebel vor den Augen und heiß ist ihr. Überall. Hier… und hier … und hier …
NINETTO, der Tunichtgut, erwidert darauf scheinbar schockiert: "Oh, Annalisa, du! Eine anständige Dame wie du: Kirche, Vaterland, Familie! Brave Tochter und Mustergattin!" Annalisa flüstert erregt: "Ach, zum Teufel damit!" und beginnt, sich auszuziehen. Um es abzukürzen: Vorbild für die Figur Annalisa ist Ibsens Nora.
In Lunaris tragikomischer Version der Geschichte gelingt es der Heldin allerdings nicht, das Puppenheim zu verlassen. Als es darauf ankommt, erwacht selbst in Ninetto, dem Taugenichts, die Konvention.
So wie das Stück gebaut und geschrieben ist, wird Annalisa und ihre Männer (Tutti gli uomini di Annalisa) an den Erfolg von Drei auf der Schaukel anschließen.
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