Skip to Content

Asparagus

Autor Reference: 
Informationen: 

Asparagus oder Die heimliche Liebe zur Kindheit

von Daniel Call

 

PERSONEN:

  • ABI WILLARD, über 50, MdB
  • LEA WILLARD, seine Frau gleichen Alters, Ärztin
  • Dr. HÖCHST, Minister, Alter egal
  • RESA, Journalistin, Alter egal
     

 

AUSZUG:

(ABI, LEA)

(In einem Lichtkegel erscheint ein rotes Mädchen-Kinderfahrrad)

ABI  Als ich auf dem Ding durch Berlin gondelte, haben sie mich anfangs ausgelacht. Abi, der Mann auf dem roten Mädchenrad. Fand man lustig, irgendwie. Wobei ich sagen muss: Parkplatzprobleme hatte ich nie.  Und je kleiner das Gefährt, desto größer die Flexibilität.

(Er dreht ein paar Runden auf dem roten Mädchenfahrrad. Lea erscheint, kopfschüttelnd)

LEA  Hast Du Dir je darüber Gedanken gemacht, dass Du Dich auf Deinem Kinderdrahtesel zum totalen Deppen machst?

ABI  Mein feuerrotes Spielmobil.

LEA  Zum kompletten Vollidioten.

(Er beendet seine Fahrt, stellt das Fahrrad wieder im Lichtkegel ab, kettet es ggf. an)

ABI  Du weißt genau, dass ich das Fahrrad im Second-Hand-Laden erstanden habe. Ein Zufallsgriff. Ich war in Eile und hatte nur noch 10 Euro in der Tasche. Da war die Auswahl eher begrenzt. Und immerhin bescherte mir das Gefährt später, rein pressetechnisch, eine gewisse Signifikanz.

LEA  Das kann man wohl sagen!

ABI  Freilich wurde ich zunächst zum Schwachkopf gestempelt. Der Provinzhinterbänkler auf dem Diplomatendreirad.

LEA  Das war ungerecht. Du bist nie Dreirad gefahren. Jedenfalls nicht, seitdem ich Dich kenne.

ABI  Aber nach der berühmten Spargelrede, nach dem Bildungs-GAU, da war ich plötzlich wer. Da wurde ich Thema…

LEA  …und das Mädchenrad zum Markenzeichen.

(...)

(ABI, Dr HÖCHST)

HÖCHST  Auf einem Bein kann man nicht stehen. (Er schenkt murmelnd nach:) Was auch bloß ein Gerücht ist – habe genügend Einbeinige erlebt, die ganz gut stehen konnten. Sogar eine ganze Weile; ohne Krücke. War ja ein hübscher Artikel, der da über Sie erschienen ist.

ABI  Ja, von dieser jungen Dame, Resa Soundso.

HÖCHST  Scharfer Feger, was? Hab sie mal beim Bundespresseball angegraben, war aber nichts zu reißen. Wahrscheinlich lesbisch.

ABI  Darüber haben wir nicht gesprochen.

HÖCHST  Nicht? Schade. Aber wie gesagt: Hübsch, hübsch. Vielleicht ein bisschen viel Privates preisgegeben. *Preisgeben*, Willard, ist in unserem Job ein Reizwort. Wer preisgibt, wird preisgegeben, wenn Sie verstehen, was ich meine.

ABI (versucht einen Scherz)  HÖCHST weise.

HÖCHST (stutzt)  Wie meinen Sie…?

ABI  Nun, ich dachte da an Ihren Namen – Höchst, Dr. Höchst, und dann so eine einfache Weisheit, also… Höchst Weise.

HÖCHST  Aber ich heiße doch gar nicht Höchst-Weise.

ABI (verdattert)  Ich versuchte einen… Ach, vergessen wir das lieber.

HÖCHST  Nichts für ungut, Willard, Humor ist nicht jedermanns Sache, das ist ein Geschenk des Himmels, und so mancher hat’s unausgepackt zurückgehen lassen. Aber schließlich haben wir Sie auch nicht als Clown eingestellt. (Trinkt, dann:) Weswegen ich Sie hergebeten habe, Willard: Diese Schnecke, diese kleine Lesbe…

ABI  Das Fräulein Resa?

HÖCHST  So mag sie heißen, kann sie ja auch nichts für. Jedenfalls stellt sie Ermittlungen an.

ABI  Was soll das heißen?

HÖCHST  Nun, im Journalismus schimpft sich derlei Recherche, aber praktisch schnüffelt sie hinter Ihnen her.

ABI  Aber aus welchem Anlass denn?

(...)

Synopsis: 

ABI WILLARD ist ein Provinzpolitiker, der es als MdB nach Berlin geschafft hat. Nach einem Spargelessen mit seinem Mentor, dem zynischen Minister Dr. HÖCHST, bringt er bei seinem ersten großen Auftritt im Reichstag die Bildungsmisere aufs Tapet – zu einem Zeitpunkt, da dieses Thema noch keinen Menschen interessierte – und verhilft in der Folge seiner Partei zur Regierungsübernahme.

Misstrauisch beäugt von seiner Frau, der Ärztin LEA, steigt er im Parteiapparatschik auf, bis die junge Reporterin RESA in seiner Vergangenheit und seinem derzeitigen Treiben zu schnüffeln beginnt. Schließlich wird bei verschiedenen Haussuchungen bei Abi kinderpornographisches Material sichergestellt. Immer enger zieht sich die Schlinge um den Hals des sympathischen Politikers zusammen und schließlich geht es nicht mehr nur um sein berufliches, sondern auch um sein privates Überleben.  

Asparagus basiert auf einer wahren Geschichte und ist nicht nur deshalb ein hoch aktuelles, brisantes Stück. Auf sensible, nie plakative Weise nähert sich Daniel Call in seiner Tragikomödie dem Reizthema "Pädophilie“ und "Kinderpornographie“, das ja speziell durch die grassierenden Perversitäten im Internet immer mehr an gefährlicher Bedeutung gewinnt. Immer wieder wurden in den letzten Jahren Fälle publik, da Personen des öffentlichen Lebens ihrer krankhaften Triebe entlarvt wurden.

Gerade hier liegt die große Qualität von Calls neuem Drama: Sein Protagonist Abi Willard ist kein Monster, kein Teufel, sondern ein Kranker – und zudem gelingt es dem Autor, eine vielschichtige Liebesgeschichte zwischen ihm und seiner Frau Lea zu entwerfen, die um das "Leiden" ihres Mannes weiss, aber über 30 Jahre versucht, seine krankhaften Triebe unter Kontrolle zu halten.

Ein leises Stück ist Asparagus, für Calls Verhältnisse enorm politisch, psychologisch und dennoch, speziell in den für ihn typisch pointenreichen Dialogsequenzen, enorm unterhaltsam.  

 

« zurück zur Übersicht