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Besser tot als rot

Autor Reference: 
Informationen: 

Rosso profondo in punto di morte

von Luigi Lunari

(Besser Tot Als Rot)

Deutsche Fassung: Alfred Bergmann

 

PERSONEN:

  • EIN MANN 

 

AUSZUG:

(MANN)

MANN  (Plötzlich mit verändertem, fast dramatischen Tonfall)  Dann jedoch...gerade an diesem Tag...  (Er hält inne, offenbar ist der richtige Zeitpunkt noch nicht gekommen, so kehrt er zu dem vorigen Tonfall zurück, um weitere Einzelheiten zu präsentieren) ...an diesem Tag... ich war so aufgewühlt, an diesem Tag, daß ich nichts mehr hören und sehen wollte und dachte: es reicht, Schluß jetzt, ich mach nichts mehr, laß die Rolläden runter und bin für niemanden zu sprechen. Auf meinem Schreibtisch lag die Liste mit den Namen der Leute, die ich hätte empfangen sollen... die üblichen Zeremonien: Glückwünsche von Kollegen und anderen wichtigen Personen... aber ich sagte: Nichts da... ich will keinen sehen, morgen ja, heute nicht. Im übrigen brauchte ich wirklich Ruhe... Das Hohe Gericht kann sich vielleicht nicht vorstellen, wieviel Mühe und zähe Arbeit es gekostet hat, um dahin zu kommen, wohin ich gekommen war: all die Auseinandersetzungen, die Kompromisse, die Überheblichkeiten, die Konzessionen, die Streitereien, die unendlichen Diskussionen und Haarspaltereien des politischen Machtspieles... Schluß für heute! Ich geh nach Hause, verbringe den Tag mit meiner Frau und den Kindern, spiele Gitarre oder setzt mit einfach vor die Glotze und seh mir irgendwelchen Schwachsinn an...

(...)

Synopsis: 

Besser tot als rot – ein sehr italienisches und ein sehr politisches Stück. Und eine einfache Geschichte: Ein Mann rechtfertigt sich vor einem imaginären Ankläger. Der einzige Anklagepunkt lautet: Er habe sich ermorden lassen. Der Held (seinen Namen erfahren wir nicht) war viele Jahre lang erfolgreicher Vorsitzender einer linkssozialistischen, womöglich der Kommunistischen Partei, hat sich hochgekämpft, hochgedient, hat alle Kompromisse geschlossen, alle Niederlagen eingesteckt und hat am Ende das Unwahrscheinliche, schier Unglaubliche erreicht: Er wurde zum Präsidenten der Republik gewählt.

So wie man den Namen des Angeklagten nicht erfährt, erfährt man auch nicht in welchem Jahr oder welchem Land die Geschichte spielt. Doch nach allen Hinweisen, die gegeben werden, war der Angeklagte in den letzten Wochen und Monaten seines Lebens der erste sozialistische (oder kommunistische) Präsident Italiens. Offenbar ins Amt gekommen, nachdem seine christlich-sozialen Vorgänger erschöpft aufgegeben haben. Am Tag der Amtseinführung ist die Zahl der Gratulanten und der kommenden Speichellecker gewaltig.

Der neue Präsident lässt jedoch nur einen alten Genossen zu einem Gespräch vor, LLL ROSSI. Die drei Buchstaben, die seinen Vornamen ausmachen, bedeuten Libero, Laico, Lavoro; wirklich, so nennt er sich: Freiheitlich, weltlich, proletarisch. Seine Kinder heißen Spartacus, Werkstatt, Guernica und seine Zwillinge Hammer und Sichel. Vierundneunzig Jahre hat er auf dem Buckel. Sein Lebenslauf liest sich wie der des ewig aufrechten Kämpfers für die Weltrevolution.

Als Genosse ROSSI ins Präsidentenbüro geführt wurde, berichtet der Angeklagte seinem Richter, "war für ihn, mehr noch als für mich, der schönste Tag seines Lebens." "Und weißt du, warum wir’s geschafft haben, Genosse Präsident? Weil … es war 1922 … als die Faschisten aufmarschierten, haben sie mich geschnappt, die Faschisten, und mich in einen finstern Keller geschleppt, und mich fertiggemacht: dreckiges Sozialistenschwein, Scheißroter, und dann haben sie auf mich eingeprügelt, bis schließlich ihr Chef sagte: Genug jetzt, er ist tot! Aber ich war nicht tot, im Gegenteil, ich war lebendig und habe der Madonna ein Gelöbnis abgelegt: ich werde nicht sterben, bevor nicht alle verdammten Faschisten von dieser Welt verschwunden sind und ein Sozialist Regierungschef wird … ein Sozialist, wie ich einer bin!"

Der Präsident weiß in diesem Moment, dass er den alten Mann enttäuschen wird, enttäuschen muss – die Umkehr aller Verhältnisse wird er nicht erreichen. So ist Politik nicht in einem Land, in dem Wahlen stattfinden. Doch ehe er den Genossen schonend auf die kommende Enttäuschung vorbereiten kann, drängt sich der Arzt des Helden ins Büro. Er hat eine Nachricht, die keinen Aufschub duldet: Soeben ist entdeckt worden, der Präsident ist todkrank. Schont er sich, hat er noch zwei Jahre zu leben; führt er sein Amt aus, wird er in einem halben Jahr tot sein. Dazwischen gibt es nichts. Der Politiker entscheidet sich für die Politik, nicht fürs Privatleben.

Nach dem ersten Schock gibt ihm das Wissen um sein baldiges Ende ungeheure Kraft. Er wagt und setzt alles ein, was ihm an Erfahrung und Schläue, Überredungskunst und Druck, Populismus und Überzeugung zur Verfügung stehen. Er setzt vieles in Bewegung, wirkt wie ein Tornado. Zwangsläufig werden bald aus seinen früheren Gegnern unerbittliche Feinde und aus seinen früheren Mistreitern misstrauische, eifersüchtige, neidische Gegenspieler. Die politische Klasse senkt nach kurzer Zeit den Daumen. Seine eigenen Genossen entscheiden in einer Zusammenkunft im Stil der Mafia über sein Schicksal. Er muss verschwinden, so oder so. Man verständigt sich; das Beste wird sein, sein Abgang wird als Selbstmord kaschiert.

Dann der zweite und wahre Schicksalsschlag für den Präsidenten: Der Arzt bekennt, dass er und seine Kollegen sich geirrt haben. Man hat eine falsche Diagnose gestellt; der vermeintlich Todkranke ist so gesund wie jeder andere. Wie nun weitermachen? Wie in Zukunft agieren?Es ist, als sei der Präsident von einer Sekunde seiner Macht und seines Charismas beraubt worden, als hätte man ihn aufs Normalmaß zurechtgestutzt – als sei er nun zu schwach für die Erwartungen, die er geweckt, und für die Ziele, die er sich gesteckt hat. Mord und Selbstmord scheinen die beiden Seiten einer Medaille zu sein.

Im gemäßigten Klima Mitteleuropas ist man geneigt, Verschwörung und Mord in der Politik für Geschichten aus fernen Zeiten zu halten, für Themen von Shakespeare-Dramen. In Italien hat man andere Erfahrungen und Erinnerungen. Da ist die Ermordung des Aldo Moro, von seinen Weggefährten gebilligt, noch immer eine schwärende Wunde. Der überraschende Tod des Papstes Johannes Paul I., wenige Tage nach Amtseinführung, erscheint den Meisten als eine schwarze Kabale und in Italien wird die Tatsache, dass der Bankier des Papstes unter einer Brücke sein Ende fand, als Bestätigung genommen, dass Leben und Tod nur der letzte Einsatz im politischen Spiel sind.

Mit einem Wort: Luigi Lunari ist mit Besser tot als rot eine plausible Geschichte gelungen, ein erregendes Drama für Menschen mit Sinn für die Mechanismen der Macht und der Politik.        

 

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