Bitter Sweet
Bitter Sweet
von Noël Coward
Operette in drei Akten
Musical numbers:
Act I: That Wonderful Melody (Singer and Dancing Chorus), The Call of Life (The Marchioness of Shayne and Chorus), If You Could Only Come with Me (Carl Linden), I’ll See You Again (Sarah Millick and Carl), Polka, Tell Me What is Love? (Sarah and Chorus), The Last Dance (The Marquis of Steere, Lord Edgar James, Lord Sorrel, Mr. Vale, Mr. Bethel, Mr. Proutie, Victoria, Harriet, Gloria, Honor, Jane and Effie).
Act II: Life in the Morning (Waiters and Cleaners), Ladies of the Town (Lotte, Freda, Hansi and Gussie), If Love Were All (Manon), Evermore and a Day (Sari Linden), Dear Little Café (Sari and Carl), Bitter Sweet Waltz , We Wish to Order Wine – Tokay (Carl, Officers and Chorus), Bonne Nuit, Merci (Manon), Kiss me (Manon and Chorus).
Act III: Tara-ra—boom-de-ay (by Henry J. Sayers) (Mr. Bethel and Mrs., Mr. and Mrs. Vale, Mr. and Mrs. Proutie, The Duke and Duchess of Tenterton, Lord and Lady Sorrel, Lord and Lady James, Lady Sorrel), Alas! The Time is Past (The Duchess of Tenterton, Lady James, Mrs. Proutie, Lady Sorrel, Mrs. Vale and Mrs. Bethel), We All Wear A Green Carnation (Bertram Sellick, Lord Henry Jade, Vernon Craft and Cedrick Ballantyne), Zigeuner (Sari).
I'll See You Again and If Love Were All are among Coward's ten most popular songs. Dear Little Café is among the top twenty.
Frage: Ist Bitter Sweet eine Operette oder die Parodie einer Operette? Antwort: Das ist Ermessens- und Entscheidungssache, eigentlich eine Frage der Machart. Text und Musik geben beides her. Bitter Sweet, Noël Cowards musikalische Romanze, erzählt fünfzig Jahre einer Liebe und lässt dabei alle übermäßig süßen Trivialitäten aus, die zu einer typischen Operette seiner Zeit gehörten, speziell der englischen Operette.
Im Gegenteil, die Geschichte besitzt rasiermesserscharfer Ironie und die Figuren besitzen durchaus Ecken und Kanten, Mängel und Risse. Noël Coward stellt sie in ein Milieu, das von Brecht oder Horváth stammen könnte; zumindest in den in Wien spielenden Szenen. Damit soll nicht behauptet werden, dies seien Cowards Geschichten aus dem Wiener Wald. Die Operette trägt nicht zufällig den Titel bittersüß und vergisst nie, dass sie amüsieren will. Es gibt hier weniger von Coward unvergesslichen Dialogen, dafür enthält Bitter Sweet einige von Cowards besten Melodien und ist durch Aufführungen über die Jahre und rund um die Erde stets populär und präsent gewesen.
Die Handlung in wenigen Worten: Alles, was die Londoner Gesellschaft im Jahre 1875 einem hübschen, wohlerzogenen Mädchen zu bieten hat, liegt der kleinen SARAH MILLICK zu Füßen. Doch statt sich daran zu erfreuen, verliebt sich Sarah hoffnungslos in ihren Gesangslehrer CARL LINDEN. Carl ist jung, gutaussehend, Wiener und eigentlich Komponist; den Gesangsunterricht erteilt er nur des Geldes wegen. Die Komplikationen, die auftauchen, waren und sind mithin vorauszusehen.
Wenn die Geschichte beginnt, ist Frühling in London, doch Carl will nur weg. Einerseits ist er krank vor Heimweh. Aber es gibt noch einen anderen Grund, London zu fliehen. Es hat ihm Freude gemacht, Sarah zu unterrichten, mit ihr zu singen, aber nun, wo sie standesgemäß verheiratet wird, hält ihn hier nichts mehr. Diese Begegnung wird das letzte Mal sein, dass sie zusammen sind, sieht man davon ab, dass er heute Abend bei ihrer groß aufgezogenen Verlobungsfeier singen wird. Man weiß nicht recht, wie es kommt, doch plötzlich singen die Beiden ihr stimmungsvolles, sehr zu Herzen gehendes Duett I’ll See You Again, das zu einem von Cowards "all-time classics" wurde.
Jedenfalls: Sarah ist so verzweifelt "in love", dass sie alles hinter sich lässt und mit Carl durchbrennt. Im kaiserlich-königlichen Wien an der immerblauen Donau verbringen Sarah und ihr angebeteter Carl fünf glückliche, wenn auch von Armut gezeichnete Jahre. Sarah entdeckt hier "das Leben" in all seiner Schönheit und auch in all seiner Hässlichkeit. Höhepunkt des Elends: Carl Linden wird von einem Husaren-Offizier, der Sarah vom ersten Moment an unverhohlen begehrt hat, abgeräumt: beiläufig in einem Duell getötet.
Doch Carls Musik lebt. Sarah, gereift und voller Selbstvertrauen, singt seine Lieder und erringt damit für sich und für Carl Ruhm in ganz Europa. Endlich kehrt sie nach London zurück und heiratet dort den ältlichen Marquis of SHAYNE, der all die Jahre geduldig auf sie gewartet hat. Er muss sich damit abfinden (und tut es offenbar auch), dass ihre wahre Liebe allzeit Carl gehören wird. Sie singt melancholisch und so, dass die Taschentücher feucht werden: I shall love you till I die - good bye.
Die ganze Liebesgeschichte wird fünfzig Jahre später, in den verrückten, überdrehten späten Zwanziger Jahre des Zwanzigsten Jahrhunderts, sozusagen als Rückblende von der nun siebzigjährigen Marquise of SHAYNE erzählt. Je länger Sarah erzählt, desto mehr gewinnt sie die anfangs nur widerwillig gewährte Bewunderung der Jugend. Endlich gestehen die jungen Leute der Marquise zu: Sie muss zu ihrer Zeit "a gay old bird" gewesen sein.
Die Operette Bitter Sweet wurde 1929 in London uraufgeführt und lief sehr erfolgreich 967 Mal in Folge im renommierten "Her Majestys Theatre". Von den Songs ist I’ll See You Again mit Abstand der bekannteste. Es ist ein wiederkehrendes Motiv dieser Operette und unzählige Male auf Schallplatten und CDs vermarktet worden. Aber auch andere Titel wie That Wonderful Melody, The Last Dance, Ladies of the Town, Tokay, Bonne Nuit, Merci oder Kiss me sind unvergesslich geworden.
Einer der Vorzüge von Bitter Sweet ist, dass das Werk den Chorkräften eine Reihe von Möglichkeiten eröffnet, sich zu profilieren und Charaktere zu entwickeln. Es gibt hier nicht nur viele kleine Rollen, es sind auch sehr gut durchgearbeitete Rollen. Sie sind genau auf die verschiedenen Milieus abgestellt, in denen die Geschichte angesiedelt ist: im London der feinen Gesellschaft von 1875, im lebensfrohen Wien von 1880 (samt Gussi, Lotte, Frieda und Hansi, Damen der Gesellschaft, wie es im Textbuch heißt, auch mit Manon, einer singenden Französin und Carls abgelegte Geliebte von ehedem, und Leutnant Tranisch, den lüsternen, Carl den Tod bringenden Husaren). Und natürlich in den hektischen, aufgeputschten Zwanziger Jahren.
Nebenbei gesagt, ist es eine auffallende Merkwürdigkeit, dass – muss eine der Hauptfiguren sterben – in der Oper stets die Heldin den Tod findet, während es in der Operette oder in einer musikalischen Komödie unabänderlich den männlichen Hauptdarsteller trifft. Und noch eine Anmerkung, über die nachzudenken es sich lohnt: In Bitter Sweet wird zum ersten Mal die Vokabel "gay" gebraucht, wenn "homosexuell" gemeint ist.
In dem Song We All Wear A Green Carnation vom Ende des dritten Aktes singen vier Dandies aus dem Jahr 1890 folgendes: Pretty boys, witty boys, You may sneer / At our disintegration. / Haughty boys, naughty boys, Dear, dear, dear! / Swooning with affectation ... / And as we are the reason / For the ›Nineties‹ being gay, / We all wear a green carnation. Wobei Noël Coward die "gay nineties" als eine Doppeldeutigkeit benutzt. Der Titel des Songs spielt auf den schwulen Oscar Wilde an, der berühmt war für seine grüne Nelke im Knopfloch.
Der Stoff wurde zweimal verfilmt – 1933 in Schwarz-Weiß und 1940 von MGM in Farbe, sogar in sehr viel Farbe, in Technicolor nämlich. Es wird erzählt, dass Noël Coward die Tränen kamen, als er die zweite Filmversion sah; sie war wirklich schrecklich. Er schwor sich jedenfalls, nie wieder eine Hollywood-Verfilmung zuzulassen und hielt sich an seinen Schwur.
- Musical-theatre.net, London Revival, 1988:
"Bitter-Sweet is probably Coward's greatest musical play (...) the old piece can still pack a powerful punch (...) the importance of a piece that has all too easily been allowed to sink into history."
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