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Cavalcade

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Cavalcade

von Noël Coward

(Kavalkade)

Deutsch von Daniel Call 

Teil I: 1.Szene (Sonntag, 31.12.1899, Salon). 2.Szene (Samstag, 27.01.1900, Hafen). 3.Szene (Freitag, 18.05.1900, Salon). 4.Szene (Freitag, 18.05.1900, Theater). 5.Szene (Montag, 21.01.1901, Küche). 6.Szene (Sonntag, 27.01.1901, Park). 7.Szene (Samstag, 02.02.1901, Salon). 8.Szene (Donnerstag, 14.05.1903, Ballsaal).

Teil II: 1.Szene (Samstag, 16.06.1906, Hinterzimmer der Bar). 2.Szene (Samstag, 16.06.1906, Straße). 3.Szene  (Mittwoch, 10.03.1909, Separée eines Restaurants). 4.Szene (Montag, 15.07.1910, Küste). 5.Szene (Sonntag, 14.04. 1912, Schiff). 6.Szene (Dienstag, 14.08.1914, Salon). 7.Szene (1914 – 1915 – 1916 – 1917 – 1918, Marsch). 8. Szene (Dienstag, 22.10.1918, Restaurant). 9.Szene (Dienstag, 22.10.1918, Bahnhof). 10. Szene (Montag, 11.11.1918, Salon). 11.Szene (Montag, 11.11.1918, Trafalgar Square).

Teil III: 1.Szene (Dienstag, 31.12.1929, Salon). 2.Szene (Abend, 1930, Nachtclub, Chaos).

AUSZUG

(ROBERT, JANE)

ROBERT  Du sahst so schön aus während des Essens.

JANE  Tat ich das, Robert?

ROBERT  Du siehst jetzt schön aus.

JANE  Tu ich das, Robert?

ROBERT  Liegt wahrscheinlich nur am Kleid. Sehr verführerisch.

JANE  Jawohl, Robert.

ROBERT  Und der Spange in Deinem Haar.

JANE  Jawohl, Robert.

ROBERT  Und der Tatsache, dass ich Dich so sehr liebe.

JANE  Nach so langer Zeit – wie kannst Du nur?

ROBERT  Vielleicht bist Du nervtötend, mies und abscheulich und ich hab’s einfach noch nicht gemerkt?

JANE  Vielleicht.

ROBERT  Jetzt ist es eh zu spät. Ich hab mich dran gewöhnt, Dich zu lieben. Ich werde die Wahrheit wohl nie erfahren.

(...)

Synopsis: 

Cavalcade ist ein anderes Wort für einen Faschingsumzug. Und so ist das Bühnenpanorama, das Coward in seinem aufwändigsten und ernsthaftesten Drama entwirft, auch ein gewaltiger Umzug, eine Parade durch das Leben von Groß und Klein, die in ihren Schicksalen 30 entscheidende Jahre (1899 bis 1929) europäischer Historie wiederspiegeln. 

In zahlreichen Episoden schildert Noël Coward das Schicksal des Londoner Ehepaares JANE und ROBERT MARRYOT, oberes Bürgertum mit solidem Wohlstand und weitläufigem Herrenhaus. Gleichzeitig erlebt man das Leben der Dienerschaft. Die Geschichte beginnt am Silvesterabend 1899 und endet am Neujahrstag 1933 und erzählt die großen, England berührenden und aufwühlenden Ereignisse dieser Epoche: Den Burenkrieg, die ersten Zeppelinflüge, den Tod der Königin Victoria, den Untergang der Titanic. Dann den Ersten Weltkrieg, den gewaltigen Einschnitt. Danach die Zwanziger Jahre, mithin die Nachkriegszeit, die zur schleichenden Niederlage wird. Das Leben wird schneller, die Musik amerikanisch.

Die Vokabeln "dreadful", "horrid" und "pathetic", mit denen man früher ganze Teegesellschaften bestreiten konnte, wirken nun abgestanden, sehr von gestern. In diesem Stück geht es nicht um hohle Worte oder abgenutzte Bilder. Es geht um gelebtes Leben. Und um die Frage, wie lange die überkommenen Werte noch gelten. Jedes der genannten, das Land erschütternden Ereignisse wirkt sich unmittelbar auf die Familie Marryot aus. Robert kämpft im Burenkrieg, sein ältester Sohn findet gemeinsam mit seiner frisch angetrauten jungen Frau auf der Titanic den Tod, im Weltkrieg fällt sein zweiter Sohn... Und ebenso sind die Hausangestellten mit dem großen Ganzen verwoben.

ALFRED BRIDGES, der Butler, hält es wie der Hausherr für seine Pflicht, gegen die Buren zu kämpfen. Er ist auf demselben Truppentransporter, der auch Robert Marryot nach Südafrika bringt. ELLEN BRIDGES ist deswegen von den gleichen Gefühlen beseelt wie Mrs. Jane Marryot. Alfred Bridges macht sich später – mit einem Darlehen der Marryots – selbstständig, eröffnet einen Pub und wird sein bester Gast. Seine schöne, sinnliche Tochter Fanny hat als Sängerin Erfolg. JOE MARRYOT, der zweite Sohn der Familie, trifft sie in einem Nachtclub wieder, als er auf Heimaturlaub ist. Man hatte geglaubt, der Weltkrieg werde höchstens drei Monate dauern; nun dauert er schon Jahre und ein Ende ist nicht in Sicht. Joe ist der einzige Überlebende seines Bataillons. Die Beiden, Joe und Fanny, beginnen eine Liebschaft, reden sogar vom Heiraten.

Als Ellen Bridges darüber mit Mrs. Marryot, ihrer früheren Arbeitgeberin, sprechen will, erlebt sie die andere Seite der guten Dame. Sie, die sich dem Personal gegenüber stets freundlich bis verstehend gab, wird hart und zurückweisend. Im entscheidenden Augenblick zeigt sich, dass sie nichts anderes ist als eine Tochter ihrer Klasse. Joe kommt im Krieg um; seine Verirrung mit Fanny wird von seinen Eltern nie wieder erwähnt. Jane und Robert Marryot lassen sich durch die Schicksalsschläge nicht unterkriegen.

In Würde gealtert und mit dem gleichen Denken wie 1899 heben sie an Sylvester 1933, in den Nachwehen der Weltwirtschaftskrise, ihre Gläser auf ihre Gesundheit, ihre beiden toten Söhne und wünschen England weiterhin Glorie, Größe und Frieden. Danach heißen sie das neue Jahre mit dem traditionellen Song "Auld Lang Syne" willkommen.

Cavalcade, 1931 im Theatre Royal an der Londoner Drury Lane uraufgeführt, hatte enormen Erfolg – obwohl oder gerade weil es Coward’s aufwendigste Produktion war. In seinen Anfangsjahren wurde Cavalcade als ein über die Maßen patriotisches, die verwundete Volksseele tröstendes Stück gesehen. Es gab nicht wenige, die den anderen Coward, den witzigen und leichtfertigen Autor erleben wollten und Calvacade als Kitsch abtaten.

Über die Dienerschaft wurde gelästert, sie seien ihre eigenen Abziehbilder. Man tat so, als wisse Noel Coward nichts vom Leben der einfachen Leute; als sei er im seidenen Morgenmantel und mit der Zigarettenspitze in der Hand zur Welt gekommen. Dabei waren ihm alle Figuren aus eigenem Erleben vertraut. Die "kleinen Leute" seines Stückes hätten seine Verwandten sein können. Die gewaltige Inszenierung, die sich durch eine enorme Auswahl an Motiven, eine große Anzahl an Darstellern und Kostümen auszeichnete, verlangte nach einer speziellen hydraulischen Bühnentechnik.

Das führte dazu, dass das Publikum das Stück nie wieder so zu sehen bekam wie zu Beginn seiner Karriere. Die Musik, die darin verwendet wurde – teils alte Volkslieder, teils aktuelle Songs (unter anderem 20th Century Blues von Noel Coward selbst) – wurde in zahlreichen Revivals dagegen immer wieder geboten und ist bis heute frisch. Bei Wiederaufnahmen in den Neunziger Jahren und zu Beginn dieses Jahrzehnts erwies sich Cavalcade (bei einigen robusten Kürzungen) als ein erstaunlich aktuelles und beeindruckendes Stück.

Nichts mehr von patriotischem Pomp, längst verblichener Glorie, die niemanden mehr beschäftigt, Historiker und Soziologen ausgenommen. Vielmehr interessante Menschen in wirklichen Konflikten. Cavalcade wurde 1932 verfilmt und gewann drei Oscars, unter anderem den für den besten Film. Vor allem war er der mit Abstand finanziell erfolgreichste Film dieser Epoche. Coward selbst erhielt für die Filmrechte die höchste Summe, die je an einem Autor gezahlt worden war.

In den Siebziger Jahren war Calvacade die Grundlage der BBC-Serie Upstairs, Downstairs (deutscher Titel: Das Haus am Eaton Place) und damit Grundlage eines weiteren Welterfolges.

Presse: 
  • The Herald, Glasgow:
    "A fine and fascinating piece of theatre for the century’s end, a gorgeous red-plush spectacle that marches with terrific theatrical sound and fury through the auditorium and across the gentle slope of the Citizens’ stage …"
  • The Guardian:
    "The fulcrum of Cavalcade is an extraordinary scene, anticipating Oh What a Lovely War, in which the sexy recruiting songs of 1914 are followed by strange images of death. This is hauntingly rendered as a giant Kitchener poster giving way to an expressionist Grim Reaper, while upstage lines of stretcher-bearers carry off the dead to the strains of Roses of Picardy."
  • Times Literary Supplement, Dezember 1999:
    "Prowse has done a brilliant job of making us all feel very depressed indeed..." 
  • Sunday Times, Dezember 1999:  
     "... quite an achievement (...) At the end, the song Twentieth Century Blues is delivered by the fiery Michelle Gomez as if she were keening on the barricades."

 

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