Kuss der Witwe, Der

Kuss der Witwe, Der
(The Widow's Blind Date)

Informationen: 

Von Israel Horovitz

Deutsch von Michael Schindlbeck

In vielen Kritiken wird Der Kuss der Witwe – The Widow’s Blind Date zu Horovitz’ bestem Stück erklärt. Ob nun das beste oder eins seiner besten, in jedem Fall ist es ein hervorragend gebautes Drama, das durch seine untergründige Spannung bei scheinbar konventionellem Ablauf und (anfangs) völlig unverdächtigen Dialogen besticht. In den drei Jahrzehnten, die seit der Uraufführung vergangen sind, ist The Widow’s Blind Date in Boston, Los Angeles, New York und rund um die Erde gespielt worden.

 

Casting Informationen: 
  • Archie CRISP
  • George FERGUSON
  • Margie BURCKE
Synopsis:

Die Geschichte ist in Wakefield, Massachusetts angesiedelt, einer typischen romantischen Ostküsten-Kleinstadt, nur einige Meilen von Boston entfernt. Der Ort hat rund 25 000 Einwohner, mehrere weiß gestrichene Kirchen, sechs Schulen und drei Golfplätze. Man erinnert sich noch an die ersten Siedler, ist Mitglied der örtlichen Handelskammer oder verdient sein Geld in Boston. Israel Horovitz kennt sich hier aus, weil er hier geboren wurde und hier aufwuchs, in der Elm Street, als Sohn von Julius und Hazel Horovitz. Und er erinnert sich, dass er als junger Mann nur wegwollte, nur raus aus der Idylle.

Schauplatz von DER KUSS DER WITWE – THE WIDOW’S BLIND DATE ist ein Fabriksaal, in dem Altpapier zu Ballen gepresst und dann zum Recycling abtransportiert wird, ein lauter, kalter Raum; Hinweis aufs Befinden der drei Figuren, die das Spiel unter sich ausmachen. Die Geschichte beginnt an einem Samstagnachmittag im Oktober. ARCHIE CRISP und GEORGE FERGUSON, beide Ende dreißig, schieben Überstunden, quatschen rum und kippen einige Budweiser ab, und Archie rückt mit der Neuigkeit raus (gibt auch ein bisschen damit an), dass er eine Verabredung mit MARGY BURKE habe. George kann mit dem Namen nichts anfangen, er wird erst wach, als ihm sein Kumpel erklärt, dass sie "eins der Palumbo-Mädchen" ist, die mit ihnen in der Highschool waren. Sie hat dann Edgar "Moose" Burke geheiratet, einen anderen Klassenkameraden der beiden Männer. Margy und "Moose" Burke sind weggezogen; "Moose" ist vor einiger Zeit gestorben. Und? Was will sie jetzt? Ihren Bruder besuchen! Peter "Swede" Palumbo liegt im Melrose-Wakefield-Hospital; ist sterbenskrank. Sind ja Neuigkeiten ... Sterbenskrank? Ja, liegt im Sterben! Na ja, der Tod ist Teil des Lebens, verkündet George philosophisch. Aha. Und? Wohin will Georgie mit ihr gehen? Etwa ins "Hazelwood"?

Während die Männer noch darüber diskutieren, was "für die Witwe Burke" angemessen sei, taucht diese schon auf; will Archie abholen. Sie hat sich eigentlich nicht verändert, ist noch wie damals, sieht immer noch gut aus, ist eben nur einige Jährchen älter geworden. Der entscheidende Unterschied zu den Männern: Sie ist damals weggegangen, ist jetzt Professorin an einer New Yorker Universität, während Archie im Altpapier-Lager seines Onkels sein Leben vertut. Das hat mal als Sommer-Job angefangen, als er zwölf war, und jetzt steht er immer noch hier. George wäre sogar froh, wenn er wenigstens so einen Posten hätte; er verdient sich mal hier und mal da ein paar Dollar.

Das Thema Bleiben oder Weggehen zieht sich durch das ganze Stück; ohne dass klar wird, was besser und was schlechter ist. Sind die beiden Männer schon deswegen Verlierer, weil sie geblieben sind? Nein, sie sind Verlierer, weil sie es nicht gepackt haben – da können sie so viel Abgebrühtheit und Maulheldentum vorführen, wie sie wollen. Sagt nicht schon die Tatsache, dass ihre Spitznamen "Billy-Goat" und "Kermie" heute noch an ihnen kleben, alles über ihr Ansehen in der Stadt? Die drei ehemaligen Schulkameraden reden über die alten Zeiten; und je länger sie reden, desto deutlicher wird, dass beide Männer damals an der West Ward School hinter Margy her waren. Man spürt, dass die alte Rivalität leicht wieder ausbrechen kann.

Die Eifersüchteleien und Verletzungen von damals sind nicht vergessen, nicht die sexuellen Frustrationen von ehedem, nicht die kindischen Kämpfe und vor allem nicht die Gewalt, die unter der Oberfläche stets gelauert hat. Man kann Margy schwer einschätzen. In einem Moment ist sie knallhart, fast eisig, in einem anderen herzlich; scheint sogar zu flirten. Und immer wieder kommt ihre bessere Erziehung durch. Auf eine Frage antwortet sie mit der schnippischen Belehrung:  "Das Beziehungswort zu dem Pronomen ist nicht exakt, Archie". So ist sie eben. So war sie auch immer.

Und? Wie soll’s jetzt weitergehen? Was wird mit dem Essen? Eigentlich ist man noch nicht fertig mit der Arbeit... Margy kippt die Verabredung. Sie und Archie schicken den vor Wut kochenden George los, etwas vom Chinesen zu holen. Aber von dem an der Route 28, da beim Minigolf-Platz! Es ist natürlich der Diner, wo man sich schon zu Highschool-Zeiten getroffen hat. Je mehr alte Erinnerungen herausgekramt werden, desto deutlicher wird, dass Margy nicht so freundlich-harmlos ist, wie sie sich anfangs gab – und dass auch sie nichts von dem vergessen hat, was damals geschah. Was will sie wirklich hier? Warum ist sie nicht bei ihrem todkranken Bruder, sondern bei diesen beiden Pennern? Es kommt heraus: Margy wurde bei einer nächtlichen Strandparty von einer Gang junger Männer vergewaltigt, als sie siebzehn war. Und Archie und George gehörten auch zu dieser Gang. Aus der anfänglichen Ruhe und Routine wird ein Sturm von Emotionen. Aus dem Streit mit Worten wird ein handfester Kampf, der tödlich endet. Ein Stück über männliche Kamaderie und weibliche Kränkungen.

Presse: 

Broadway World: 
"Ohne die Einzelheiten offen zu legen, möchte ich zumindest sagen, dass es in der Vergangenheit einen katastrophalen Zwischenfall gegeben hat, der sich direkt auf ihre Beziehungen und die Ereignisse der Gegenwart auswirkt. Horovitz baut sich wunderbar darauf auf."

Philadelphia City Paper Review:  
"(....) Israel Horovitz' Stück über die Wiedervereinigung von drei Klassenkameraden - zwei Nasen und eine Frau, die ihrer Arbeiterklasse aus Boston entkam - zieht das Publikum durch 90 Minuten flacher Charakterisierung, unplausibler Psychologie und Verschwörung und einem "Gotcha"-Fazit, das zu einem anderen Stück zu gehören scheint."

Produktionen: 
  • UA: März 1984, Los Angeles Actors Theatre, Los Angeles
  • Off-Broadway-Premiere: 07.09.1989, Circle in the Square Downtown, New York City
  • DSE: 1994, Staatstheater Darmstadt
Autor(en): 
Besetzung:
1 Dame, 2 Herren
Drama
Schauspiel