Nur gutes über die Toten

Nur gutes über die Toten

Informationen: 

Von Israel Horovitz

Deutsch von Inge Greiffenhagen und Bettina von Leoprechting

 

 

Casting Informationen: 
  • JOHN KILEY
  • PENELOPE - seine Frau
  • WILLA - die Tochter
Synopsis:

Über die Toten spricht man nur Gutes – in welcher Kultur gilt das nicht? Doch PENELOPE KILEY und ihre Tochter WILLA sprechen zu viel Gutes über den bei den Anschlägen auf das World Trade Center ums Leben gekommenen Ehemann bzw. Vater JOHN KILEY. Das ist das zentrale Problem dieses Stücks – ein weiteres, mit dem Israel Horovitz seine ureigenen Verletzungen im Zusammenhang mit dem 9. September und den Anschlägen auf New York verarbeitet. Die ganze Welt kennt die Bilder der beiden Flugzeuge, die in die "Zwillingstürme" rasen, die Feuerbälle, die schwarzen Wolken, die die Spitzen der Türme verschwinden lassen; jeder hat Erinnerungen an die aus den Fenster springenden Menschen.

Die Formel "9/11" ist so weltbekannt wie E=mc2. Die ganze Welt kennt diese Bilder jedoch nur aus dem Fernsehen, wo sie wieder und wieder gezeigt wurden, bis jedermann glaubte, sie seien auch Teil seines Lebens. Israel Horovitz, der in Lower Manhattan lebt, sah das Grauen von seinem Fenster aus – und dann sieht Leben und Tod anders aus als im Fernsehen. Das Stück: John Kiley hat sein Büro ganz oben in den Twin Towers – er ist dort, als die Flugzeuge kommen. Aber er war auch schon dort, als er seiner Tochter gesagt hat, dass er zu Hause ausziehen wird. Und als er seiner Frau erklärte, dass und warum Schluss ist. Passenderweise hat er seine Geständnisse in einem der Toprestaurants der Türme abgelegt, stilgerecht sozusagen. John Kiley selbst ist an die Sechzig, hat in seinem Beruf viel erreicht und will nun noch mal neu anfangen. Die passende Frau für den Neuanfang ist auch schon zur Hand; sie arbeitet ebenfalls in den oberen Etagen des WTC und sie hat ein Anrecht darauf, dass endlich mit dem Versteckspiel Schluss ist. Die übliche Geschichte eben. Penelope, seine Frau, ist so etwas wie eine hartgesottene Society-Duse; Trennung und Scheidung wären die Katastrophe ihres Lebens. Doch sie nimmt den Schicksalsschlag wie ein Boxer, der viel einstecken kann. Willa, die Tochter, studiert noch. Sie hat den Egoismus der Jugend und anderes im Kopf als Glück oder Unglück ihrer Eltern. Trotzdem einigen sich die Eheleute, ihr nicht das letzte Jahr an der Uni zu verderben und mit der Wahrheit erst herauszurücken, wenn Willa ihren Abschluss gemacht hat. Gegen die Absprache weiht John auch seine Tochter über die bevorstehende Änderung der Familienverhältnisse ein. Er will einfach klare Verhältnisse; so hält er es nicht mehr aus. Gleichzeitig nimmt er Willa jedoch das Versprechen ab, mit der Mutter kein Wort über die Geschichte zu wechseln. Sie soll die Unwissende mimen. Er will ihr ja nur sagen, dass er sie liebt und dass sich daran niemals etwas ändern wird.  Alles also bestens geregelt.

Die Katastrophe des 11. Septembers lässt jedoch sämtliche Pläne hinfällig werden. Nach dem ersten Schock und den pauschalen Totenfeiern – von John Kiley ist aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mal Asche geblieben – soll das Leben weitergehen. Es geht ja angeblich immer weiter. Doch Penelope wird hysterisch, legt sich auf die Psychiatercouch und glorifiziert den Toten. Mutter und Tochter streiten verbissen darüber, ob Vater eine Art Heiliger war oder ob er auch Fehler hatte. Nicht mit einer Silbe wird zugegeben, dass er Penelope schon früher betrogen hatte. Bei aller Streiterei kommt nur heraus, dass Mutter ihre Verehrer hatte und Willa ihren Freund betrügt. Liebe kommt und geht wie die Flut, doch so lange das Andenken des Toten nicht beschmutzt wird, ist alles in Ordnung. Willa wagt nicht, ihre Trumpfkarte zu ziehen; wagt nicht, ihrer Mutter zu offenbaren, dass ihr Mann sie verlassen wollte und bereits eine Andere hatte. Sie fürchtet, damit nach dem Vater auch die Mutter zu verlieren. Und Penelope würde sich nun eher selbst aus dem Fenster stürzen, als die Tatsachen zuzugeben.

Bis zum Ende des Stücks ist jedes Wort gefärbt vom Wissen um die Wahrheit und vom Vorsatz, diese Wahrheit nicht auszusprechen. Zurück bleibt also nicht nur Ground Zero, zurück bleibt ein bizarres Lügengerüst, an das sich Mutter und Tochter klammern, jede auf ihre Weise; eingefrorenes Scheinheil. Die Geschicklichkeit und Raffinesse des Autors besteht darin, dass es ihm gelungen ist, ein Weltverbrechen auf die drei Figuren seines Dramas zu reduzieren. Im Prinzip würde die Geschichte stets und überall funktionieren. Doch erst das Wissen um den Hintergrund macht sie unvergleichlich.  

Presse: 

Westfälische Rundschau:
"Horovitz hat mit dieser Dreipersonenkonstellation also ein vertracktes Beziehungsdrama entworfen, scheinbar und im Anfang nur alltäglich, tatsächlich jedoch getragen von grundsätzlichen Fragen einer antiken Tragödie nach Recht, Moral und Liebe."

Ruhr Nachrichten, 11.09.2007:
"Mutter und Tochter leben mit dem Toten, der weiterhin ihr Leben beherrscht, aber vor allem mit einer Lüge, die zwischen ihnen steht und die sich im Laufe der 90 Minuten ausdehnt, bis die Atmosphäre zwischen den Frauen knistert und die Stille fast lauter ist als die Dialoge." 

WAZ, 12. September 2007:
" ... ist großes, vielleicht unvergessliches Theater: ›Sind die Wolken voller toter Menschen? So habe ich mir das vorgestellt, als ich klein war. Ist es so?‹ ... Horovitz gibt auf viele Fragen mutige Antworten. Manche von ihnen stammen aus dem Reich der unangenehmen Wahrheiten. Erst kommt der Tod. Dann das Schweigen. Dann das Totschweigen."

Produktionen: 
  • UA: 17.07.2002, Gloucester Stage Company, Gloucester, Massachusetts
  • 09.09.2007, Theater Dortmund
  • 12.09.2007, Theater im Bauturm, Köln
Autor(en): 
Besetzung:
2 Damen, 1 Herr
Komödie
Schauspiel