Star und das Dienstmädchen, Der

Star und das Dienstmädchen, Der
(Relative Values)

Informationen: 

Komödie in drei Akten
Von Noël Coward

Deutsch von Klaus Chatten

Ursprünglicher erschien das Stück unter dem Titel "Moxie"

 

 

Casting Informationen: 
  • CRESTWELL
  • ALICE
  • MOXIE - Mrs. Moxton
  • FELICITY - Countess von Marshwood
  • LADY HAYLING
  • ADMIRAL SIR JOHN HAYLING
  • Der ehrenwerte INGLETON
  • NIGEL - der Earl von Marshwood
  • MIRANDA FRAYLE
  • DON LUCAS
Synopsis:

Eine Komödie über die Beziehungen der (englischen) Klassen, angesiedelt in Marshwood-House in East Kent, einem englischen Herrenhaus, wie es englischer nicht sein kann. Die Geschichte spielt Anfang der Fünfziger Jahre, als Großbritannien gerade mit Hilfe der kaugummikauenden amerikanischen Vettern den Zweiten Weltkrieg gewonnen hat. Dieser Sieg ist bereits Demütigung genug für das stolze Albion, und nun muss die (verwitwete, aber durchaus attraktive) COUNTESS OF MARSHWOOD einen weiteren Schicksalsschlag verkraften: Ihr Sohn NIGEL, Earl of Marshwood, hat sich in den Kopf gesetzt, den amerikanischen Film-Star MIRANDA FRAYLE zu heiraten. Oder sollte man besser sagen, Miranda hat sich vorgenommen, sich einen Angehörigen der englischen Oberklasse zu krallen? Steht ihr, die eine schreckliche Kindheit hinter sich hat, ihre Jugend in unbeschreiblichen Elend verbrachte und sich mit purer Willenskraft in einen Liebling der Massen verwandelte, steht ihr etwa ein Earl of Marshwood nicht zu? Miranda ist der absolute Horror für die Countess und das Personal des Hauses, speziell aber für MOXIE, die liebenswürdige und diensteifrige Zofe der Gräfin. Es kommt so weit, dass Moxie ihre Stellung aufgeben will, was eine absolute Katastrophe für die Countess wäre. Es dauert allerdings eine Weile, bis man erfährt, warum Moxie einen solchen Widerwillen gegen die Schauspielerin hat, dass sie einen derart drastischen Schritt auch nur in Erwägung zieht, beziehungsweise, in welchem persönlichen Dilemma sie sich befindet! 

Man ist genau auf dem Höhepunkt eines wohltemperierten Dinners, als DON LUCAS auftaucht, Mirandas old boyfriend und gegenwärtig die Sensation Hollywoods. Miranda ist aufgebracht über die Störung und würde Don am liebsten auf der Stelle vor die Tür setzen. Jedoch, jedoch ... Der Countess kommt der Besucher genau recht, weiß sie doch, dass etwas geschehen muss. Für sie (wie für jeden klar sehenden Menschen) steht fest, Miranda ist nicht die Richtige für ihren Sohn. Kann es gar nicht sein! Munter und unkompliziert wie sie sich gern gibt, wenn sie etwas bezweckt, lädt sie Don zum Bleiben ein. Hinter vorgehaltener Hand ermuntert sie ihn, nicht aufzugeben. Sie versichert ihm, die Verlobung wird in Kürze gelöst. Diese Versicherung kann sie getrost abgeben. Gehört es doch zu ihrem Wesen, allzeit die Zügel in der Hand zu halten und die Dinge zu manipulieren. Alles wird hochdramatisch, als Miranda wieder einmal ihre düstere Kindheit und das Elend ihrer Jugend schildert. Angeblich ist Miranda in den Slums von London zur Welt gekommen, die Mutter eine Säuferin und die Schwester eine Verschwenderin, die jeden Cent verprasste, den sie, Miranda, sich in Amerika vom Mund abgespart und den Lieben daheim geschickt hat. Soweit Miranda weiß, ist diese Schwester gestorben und ein anderes Schicksal hat sie ja auch nicht verdient. Jetzt reicht es Moxie! Weiteres kann sie nicht ertragen. Sie enthüllt, sie sei Mirandas Schwester und kein Wort von deren Schauergeschichten stimme. Die Dramatik wird noch einmal gesteigert, als eine Verschwörung auffliegt und Moxie zur Erbin wird, mit der Verpflichtung, mit der Familie Marshwood zu leben. Es erweist sich, die Bande, die hier binden, sind von adeligem Blau.  

In dieser giftigen Komödie kann man wunderbar die Nuancen des englischen Rollenspiels studieren, einschließlich aller (1950 gerade aktuellen) Ins und Outs. Dabei spekuliert Coward mit beidem: mit den Differenzen zwischen den Klassen und den feinen Unterschieden innerhalb derselbigen, und die eigentliche Hauptrolle des Stücks ist die Unbeweglichkeit des englischen Klassensystems. Es wird zum Beispiel darüber debattiert, ob man einer Maniküre bei Harrod’s mehr Respekt entgegenzubringen hat als einer Maniküre bei Selfridges, dem anderen exklusiven Londoner Kaufhaus in der Oxford Street. Man einigt sich, selbstverständlich steht eine Kraft bei Harrod’s über einer von Selfridges. Die feinen Nuancierungen machen auch die Charaktere in Marshwood House selbst aus. Crestwell, der philosophierende Butler, ist allen Marshwoods an Bildung hoch überlegen. Er zitiert Milton, als sei er dessen Sohn und kenne noch die geheimsten Überlegungen dieses von vielen geliebten, von manchen allerdings auch gehassten Dichters aus dem 17. Jahrhundert. Gleichzeitig wird mit jedem Wort und jeder Geste klar, Crestwell ist als Dienerseele geboren worden. Zu dienen ist ihm Wille, Verpflichtung und Stolz. Oder Moxie selbst, die dem Stück ursprünglich den Titel gegeben hat. Kann sie denn die Klassenschranken überspringen? Coward geht mit der Dienerschaft ebenso unbestechlich um wie mit der Herrschaft und erst das macht diesen Zusammenstoß zwischen dem sternengekrönten Hollywood und dem eisern durchhaltenden England zu einem von Cowards Meisterwerken. Um das Stück in all seinen Verästelungen zu verstehen und zu genießen, sollte man einiges über seinen Schöpfer wissen, über Noël Coward und die Menschen, die er kannte und mochte. Im Grunde schrieb Coward vor allem über sie, seine Bekannten und Freunde, und am meisten über sich selbst. Aber was er auch schrieb, es sollte seine Zuschauer unterhalten. Und das tut es. "Im Stil Oscar Wildes portraitiert Noël Coward hier die englische Oberklasse!"

Produktionen: 
  • UA: 28.11.1951, Savoy Theatre London
  • DSE: 01.03.1953, Renaissance Theater Berlin
Autor(en): 
Besetzung:
5 Damen, 5 Herren
Komödie
Schauspiel