Unglaublich: Diese 20er

Unglaublich: Diese 20er
(Los Increibles 20)

Informationen: 

Von Jaime Salom

Deutsch von Hartmut H Forche und Jaime Roman-Briones

 

 

Casting Informationen: 
  • ENCARNA
  • JOSÉ - oder Pepito
  • DON CARLOS - außerdem der Staatsanwalt, der Gefängniswärter, der Pastor und die Kleine
  • der MANN - außerdem der Pförtner eines Theaters, ein Bestattungsunternehmer, ein Kellner, ein Bürodiener, ein General, ein Verteidiger in Talar, zweiter Schiffsoffizier und der Chauffeur
Synopsis:

Dieses Stück bietet: Eine Frau, eine Menge Männer, Spaß, Sex and Crime! Und alles in den Goldenen Zwanzigern, die nicht nur in Deutschland ein paar Jahre lang golden waren – vor allem für Leute, die es mit der Moral nicht so genau nahmen. 

Die drei Hauptfiguren: Da ist erst mal ENCARNA, die Hure mit dem berühmten goldenen Herzen, gutmütig und geschäftstüchtig und immer bereit, dazu zu lernen. Dann Don CARLOS, Herausgeber einer Zeitung, Politiker von Geburt an. Er gibt gern den Ehrenmann, in Wahrheit ist er durch und durch korrupt und ein hundertprozentiger Egoist. Und drittens JOSÉ, gelegentlich PEPITO genannt, ein herzensguter Kerl, der gern schreiben würde.

Zuhause in seinem Dorf hat er bereits Gedichte verfasst, Artikel für eine Monatszeitschrift und vor allem einen Roman, von dem sogar der Bürgermeister sagte, er sei beinahe genial. Natürlich hat sonst noch niemand das Buch gelesen, geschweige denn gedruckt. Im Laufe der Geschichte spielt dieser Roman eine wichtige Rolle; er treibt die Dinge sozusagen auf die Spitze ...

Anfangs ist Josè kurz vorm Verhungern und würde Don Carlos für eine Einstellung als Redakteur Füße und Stiefel küssen. Don Carlos braucht jedoch keinen weiteren Schreiberling, er braucht einen Laufburschen. So macht Josè eben den Handlanger. Nach und nach kapiert er, wie der Hase läuft. Aber wirklich raffiniert wird er nie, und im Grunde fährt er mit seiner (vorgetäuschten?) Dummheit ganz gut. Er bringt es damit immerhin zu Literaturpreisen und Einladungen ins Weiße Haus nach Washington. Wenn man so will, ist das ganze Spiel eine Entwicklungsgeschichte der besonderen Art.

Don Carlos lernt die fleißige Encarna durch Zufall kennen und erfasst sofort deren Potenzial. Er erklärt ihr, warum er sie brauchen kann: "Ich hab Feinde, sogar in meiner eigenen Partei, die ich in Schach halten muss, und Freunde, die ich irgendwann einmal um einen Gefallen bitten muss. Außerdem stecke ich in gewissen finanziellen Angelegenheiten, bei denen ich mit einem bestimmten Einfluss rechnen muss. Kurz und gut, ein Mann ist immer ein Mann, egal wie wichtig er ist, und man fischt ihn über den Schwanz. Darum hab ich gedacht, dass du mein Angelhaken sein könntest, der mir beim Fischen hilft. ... Du bist dann keine Nutte mehr, du wirst dann Kokotte! Das ist Französisch; es ist ähnlich, auf die feine Art ... Aber ich möchte, dass dir bewusst ist, was für eine große Verantwortung du hast. Durch dein Bett gehen Richter, Bankiers, Finanziers, Politiker, Bischöfe und sogar ein Kardinal." "Da seh ich kein Problem. Überlassen Sie das nur mir!", verspricht Encarna selbstbewusst und hält auch ihr Versprechen. 

Das Problem ist vielmehr, dass Don Carlos und Josè sich ebenfalls in ihrem Bett wohlfühlen, und das kann natürlich auf Dauer nicht gut gehen. Es kommt zum Liebesdrama, sauberem Kopfschuss und Verurteilung zu Lebenslänglich für den Mörder. Im Sterben verflucht der Sterbende den Mörder: Von jetzt ab wird der sein Gesicht immer und überall vor Augen haben. Es kommt wirklich so. Die Verwünschung macht die Geschichte grotesker und grotesker, sorgt aber auch für überraschende Wendungen und Lösungen. In jedem Satz und jeder Szene merkt der Zuschauer, dass das Stück von einem Meister seines Fachs stammt.

Tatsächlich ist Jaime Salom ein international renommierter Autor und einer der wichtigsten Theaterdichter Spaniens. Salom, in Barcelona geboren, studierte Medizin und arbeitete lange als Augenarzt, noch zu der Zeit, als er bereits Schauspiele und Drehbücher schrieb. Seit 1990 widmet er sich voll und ganz dem Theater. Seine Arbeiten wurden in mehrere Sprachen übersetzt und dienten als Vorlage für zahlreiche Verfilmungen. Sein Stück Les Demoiselles d´Avignon erhielt den "Premio de la Crítica de Madrid" als bestes Theaterstück des Jahres 2001.

Man weiß nicht genau, wann und wo die Burleske Die unglaublichen 20er spielt – in Spanien, in Südamerika? Am Anfang, am Ende der zwanziger Jahre? Wohl am Ende. Don Carlos charakterisiert die Epoche so: "Seit die Linken regieren, herrscht überall Chaos. Die Kellner irren sich, die Kaffeemaschinen geben den Geist auf und die Kommunisten reißen Witze. Hier fehlt jemand, der durchgreift mit harter Hand, richtig eine Militärdiktatur, die die schützt, die dem Vaterland dienen, und all die andern aussiebt." Sowohl in Spanien und Portugal wie in den Ländern Südamerikas fanden sich dann ja Generale, die mit harter Hand durchgriffen. Und in Argentinien hatte der Präsident sogar seine Evita zur Seite, die von den Massen vergöttert und der Oberschicht des Landes gehasst wurde.

Die Oberklasse verabscheute ihre ärmlichen Wurzeln und verdammten sie wegen ihrer Bettgeschichten, ohne die sie jedoch nie aus der Armut herausgekommen wäre. Insofern hat der Autor recht, wenn er seinem Publikum sagt, dass alles auf wahren Begebenheiten beruhe. Saloms Meisterschaft zeigt sich auch in der Besetzung dieser Farce. Dass er das Personal auf drei Schauspieler und eine Schauspielerin reduziert hat, ist sichtlich nicht nur eine Frage der Kalkulation. Durch die Verknappung an Mitwirkenden, aber nicht an Charakteren, wird überdeutlich, was Don Carlos behauptet hat: Mann ist Mann!  

Produktionen: 
  • UA: 2007, Teatro Arc.Carlos Lazo/UNAM, Mexiko-Stadt, Mexiko

frei zur deutschsprachigen Erstaufführung
Autor(en): 
Besetzung:
1 Dame, 3 Herren
Komödie
Schauspiel